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Die People-Mover-Pioniere

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Tags: AutonomesFahren, Effizienz, Connectivity, Elektromobilität
Seit Jahrzehnten baut der Mobilitätsdienstleister 2getthere selbstfahrende People Mover. Gründer und CEO Carel van Helsdingen spricht über die nächsten Schritte seines Unternehmens und die Herausforderungen bei der Entwicklung autonomer Shuttles für den Mischverkehr.
Kathrin Wildemann, 20. Dezember 2019
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Kathrin Wildemann gehört seit 2016 zum festen Autorenteam bei ZF. In On- ebenso wie in Offline-Beiträgen beschäftigt sie sich bevorzugt mit Elektromobilität und anderen Nachhaltigkeitsthemen.

Herr van Helsdingen, schon 1984, lange bevor selbstfahrende Fahrzeuge ein großes Thema wurden, begann 2getthere mit der Arbeit an automatisierten Transportsystemen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Herr van Helsdingen, schon 1984, lange bevor selbstfahrende Fahrzeuge ein großes Thema wurden, begann 2getthere mit der Arbeit an automatisierten Transportsystemen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war einerseits der logische nächste Schritt in meiner Karriere, andererseits war es einfach Zufall. Ich habe in den 70ern Maschinenbau und Fertigungstechnik studiert. Damals wurde Robotik erstmals zu einem großen Thema. Einige Jahre arbeitete ich bei IBM als Projektentwickler und wollte dann mein eigenes Fertigungstechnikunternehmen aufbauen. Einer unserer ersten Kunden hatte ein Problem mit seinen fahrerlosen Transportfahrzeugen, auch FTF genannt. Damals folgten FTFs einfach einem Draht im Boden – ein äußerst unflexibles System, das anfällig für Unterbrechungen war, wenn sich das Fahrzeug auch nur einige Zentimeter weit von dem Draht wegbewegte. Also haben wir uns eine bessere Lösung ausgedacht: Anstelle eines dummen Fahrzeugs auf einer smarten Infrastruktur wollten wir ein smartes Fahrzeug bauen, das auf einer dummen Infrastruktur navigieren kann – und zwar auf einer Art Raster, einem Muster in oder über dem Boden. Das bietet einem die Flexibilität, neue Routen einfach festlegen oder seinen Kurs jederzeit korrigieren zu können. Das System haben wir FROG genannt – „free ranging on grid“, und 1985 haben wir es patentieren lassen. Solange wir die Sensoren dafür hatten, konnte so ziemlich alles als Raster genutzt werden. Apple hat beispielsweise ein FROG-System genutzt, das auf seinen schwarz-weißen schachbrettartigen Bodenfliesen basierte.
Carel van Helsdingen, Gründer und CEO von 2getthere

Inwiefern hat sich Ihr Fokus mit den Jahren verlagert?

Inwiefern hat sich Ihr Fokus mit den Jahren verlagert?

Nachdem wir uns nahezu ein Jahrzehnt lang auf industrielle Güteranwendungen konzentriert hatten, entschieden wir uns dazu, unser Portfolio zu erweitern, und installierten 1997 unseren ersten People Mover – einen Shuttle für die Langzeitparkplätze am Flughafen Schiphol. Wir merkten schnell, dass der Fahrgasttransport ein ganz neues Maß an Komplexität mit sich brachte: Wenn man Menschen befördert, stehen die Sicherheit und der Schutz der Insassen an erster Stelle. Bei Cargo Movern muss sichergestellt werden, dass diese nicht mit Objekten in ihrer Umgebung kollidieren. Bei People Movern muss man sowohl die Außenwelt als auch die Insassen schützen. Das erfordert eine völlig neue Herangehensweise an Sicherheit und Fahrkomfort. Um diesen Ansprüchen zu genügen, haben wir unsere People-Mover-Aktivitäten zunächst in einem separten Unternehmensteil und später dann in ein separates Unternehmen gebündelt: 2getthere. FROG wurde im Jahr 2013 verkauft.

Bisher haben Sie nur Beispiele erwähnt, in denen die Fahrzeuge sich in eingeschränkten Gebieten bewegen. Wo sehen Sie den größten Anwendungsfall für automatisierte People Mover?

Bisher haben Sie nur Beispiele erwähnt, in denen die Fahrzeuge sich in eingeschränkten Gebieten bewegen. Wo sehen Sie den größten Anwendungsfall für automatisierte People Mover?

Der Markt, auf den wir uns bisher konzentriert haben, ist üblicherweise die sogenannte „Letzte-Meile-Verbindung“: das Verbinden von Verkehrsknotenpunkten für öffentliche Langstreckenfahrzeuge – Straßenbahnstationen, Bahnhöfe oder Busbahnhöfe – mit Gewerbe- und Wohngebieten. Der Vorteil besteht darin, dass wir die normalerweise eher kurzen Strecken in getrennten Spuren abdecken konnten, anstatt sie mit dem regulären Verkehr zu vermischen. Somit konnten wir auf unserem erprobten Raster aus magnetischen Elementen navigieren, die unsere Sensoren in allen Situationen zuverlässig erkennen können. Diese Zuverlässigkeit ist unerlässlich, um die erforderlichen Zertifizierungen für die Fahrzeuge einzuholen. Wenn man sich jedoch überall im Mischverkehr bewegen möchte, ist ein Magnet natürlich keine realistische Lösung: Man braucht ein autonomes Fahrzeug der Stufe 5. Bisher ist die Technologie für so etwas noch nicht bereit gewesen. Daher haben wir uns dazu entschieden, uns an feste Routen zu halten wie es für öffentliche Verkehrssysteme üblich ist, um die erforderlichen Zertifizierungen zu bekommen und uns von dort aus hochzuarbeiten.
Seit 1999 fahren selbstfahrende Fahrzeuge von 2getthere im Gewerbegebiet Rivium in der Nähe von Rotterdam.

Warum ist es so schwierig, vollständig autonome Fahrzeuge zu entwickeln?

Warum ist es so schwierig, vollständig autonome Fahrzeuge zu entwickeln?

Die größte Herausforderung besteht darin, dass ein selbstfahrender Shuttle in einer Mischverkehrsumgebung navigieren können muss. Wenn alles automatisiert wäre, hätte man eine vollständig kontrollierte und sichere Umgebung. Sobald man manuell betriebene Fahrzeuge mit selbstfahrenden mischt, entstehen unvorhersehbare Situationen. Um angemessen reagieren zu können, muss das Shuttle sowohl mit äußerst zuverlässigen Sensoren ausgestattet sein, die die Umgebung des Shuttles erkennen, als auch mit einer hohen Intelligenz, um ebenso vorausschauend und intuitiv wie ein menschlicher Fahrer handeln zu können. Jeder versucht, dieses Intelligenzniveau zu erreichen. Ich glaube aber, dass wir noch nicht ganz so weit sind.

Zusammengenommen sind die Systeme von 2getthere schon mehr als
100000000
Kilometer autonom gefahren

2getthere ist kein Hersteller – sie bauen die Fahrzeuge nicht selbst. Können Sie uns ein wenig mehr über Ihre Kernkompetenzen berichten?

2getthere ist kein Hersteller – sie bauen die Fahrzeuge nicht selbst. Können Sie uns ein wenig mehr über Ihre Kernkompetenzen berichten?

Wir sind auf Technologie- und Produktentwicklung spezialisiert und agieren als Systemintegrator für unsere Kunden, wobei wir unsere eigene Technologie und die Technologie anderer Unternehmen in einem umfassenden System vereinen. Sensoren, Fahrzeuge, externe Kommunikationseinheiten – innerhalb eines Projektes integrieren wir es, installieren wir es und liefern wir es. Daher sind unsere Softwareplattformen immens wichtig für uns.

Wie sieht die Kooperation zwischen ZF und 2getthere aus?

Wie sieht die Kooperation zwischen ZF und 2getthere aus?

Aktuell arbeiten wir gemeinsam am Thema Sensorfusion und an unserer Steuereinheit. ZF hat viele interessante Produkte in diesen Bereichen zu bieten, die wir in unsere Systeme integrieren möchten. Wir auf der anderen Seite bringen unsere Projekterfahrung mit ein: Wie geht man die ganze Logistik eines Projekts an – Verkauf, Marketing, Zertifizierungsprozesse, Installation? Wie sieht die Software aus, mit der das System betrieben wird? Und dann genießen wir natürlichen den Riesenvorteil, einen finanzstarken Partner wie ZF an unserer Seite zu haben, um unseren Kunden Sicherheit zu geben, gerade auch wenn es sich um eine öffentlich-private Partnerschaft handelt. Ich glaube, dass diese Zusammenarbeit für beide Seiten ein voller Erfolg sein wird!
Autonomer Shuttle von 2getthere: 2019 hat ZF 60 Prozent der Aktien des Unternehmens übernommen.

Wie können automatisierte Transportsysteme zu einer besseren Mobilität in unseren Städten beitragen?

Wie können automatisierte Transportsysteme zu einer besseren Mobilität in unseren Städten beitragen?

Nun, ich glaube, dass der Schlüssel zur Verbesserung des Verkehrs in der Stadt nicht das autonome Fahren an sich ist. Der einzige Weg, Staus und zähflüssigen Verkehr zu reduzieren, besteht darin, autonome Fahrzeuge zu teilen. So kann das volle Potenzial jedes Fahrzeugs ausgeschöpft werden und es sind weniger Autos auf den Straßen unterwegs. Ein weiterer möglicher Vorteil selbstfahrender Fahrzeuge besteht in der verbesserten Sicherheit. Die meisten Unfälle werden durch menschliches Versagen verursacht. Um diesen Vorteil jedoch im Mischverkehr umsetzen zu können, brauchen wir ein System, das alle Akteure miteinander verbindet, auch die von Menschen gesteuerten Fahrzeuge. Wie eine Art Flugverkehrskontrolle, nur am Boden. Auf diese Weise erhalten selbstfahrende Fahrzeuge Informationen darüber, was alle anderen Verkehrsteilnehmer gerade vorhaben, und können entsprechend besser reagieren.

Die Shuttles und Mover von 2getthere werden im Rahmen unterschiedlicher Projekte auf der ganzen Welt genutzt. Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Die Shuttles und Mover von 2getthere werden im Rahmen unterschiedlicher Projekte auf der ganzen Welt genutzt. Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Wir haben beispielsweise im Jahr 2010 People-Mover-Systeme für die autofreie und CO2-neutrale Stadt Masdar in Abu Dhabi aufgebaut. Auch das Gewerbegebiet Rivium in der Nähe von Rotterdam zählt zu unseren langjährigen Kunden. Hier haben wir 1999 damit begonnen, drei selbstfahrende Fahrzeuge auf einer 1,2 Kilometer langen Strecke einzusetzen, und bauen das Projekt seitdem immer weiter aus. Erst letztes Jahr hat Rivium entschieden, auf die dritte Generation unserer Shuttles upzugraden – und für 2021 haben wir einen weiteren spannenden Schritt geplant.
People Mover von 2getthere in der autofreien und CO2-neutralen Stadt Masdar in Abu Dhabi.

Können Sie uns mehr darüber sagen?

Können Sie uns mehr darüber sagen?

Sehr gern. Wir werden unsere Shuttles erneut auf den neuesten Stand bringen und den Bereich erweitern, den sie befahren. Und zum ersten Mal wird die Strecke auch Mischverkehr umfassen. Zudem haben wir ein weiteres Mischverkehrsprojekt anstehen: ein Shuttle für den Flughafen Zaventem in Brüssel. Wir werden mit einem Pilotfahrzeug starten und nach und nach insgesamt neun Fahrzeuge einsetzen. Das ist ein riesiges Sprungbrett für uns und zeigt, dass die Mischverkehrsprojekte langsam zunehmen, wenngleich die kurzfristigen Erfolge aktuell noch in isolierten Umgebungen erzielt werden. Beide Märkte sind Wachstumsmärkte.

Wenn Sie schätzen müssten: Wie lang wird es wohl dauern, bis selbstfahrende Shuttles flächendeckend als öffentliche Verkehrsmittel in Innenstädten eingesetzt werden?

Wenn Sie schätzen müssten: Wie lang wird es wohl dauern, bis selbstfahrende Shuttles flächendeckend als öffentliche Verkehrsmittel in Innenstädten eingesetzt werden?

Ich glaube, dass das stark davon abhängt, mit welcher Stadt man anfängt. Eine neu erbaute Stadt ist leichter zu navigieren als eine alte. In sehr belebten Städten wie Stuttgart, Hamburg und München kommt eine komplexe Mischung unterschiedlichster Transportformen zum Einsatz. Aber ich glaube, wenn man langsam anfängt – in einer dafür bestimmten Umgebung wie einem Flughafen oder einem Business Park, die üblicherweise eine große Nachfrage aufweisen – dann könnte sich der Markt schon 2024 oder 2025 öffnen.
2getthere: Experten für MaaS/TaaS-Lösungen

Über 2getthere

Über 2getthere

Seit 35 Jahren entwickelt und liefert der in Utrecht beheimatete Mobilitätsdienstleister 2getthere automatisierte Transportlösungen. 1985 hat das Unternehmen sein erstes vollständig automatisiertes Gütertransportsystem patentieren lassen. In den 1990ern verlagerte sich der Fokus des Unternehmens von Gütertransport und Intralogistik auf den Personentransport. 2getthere kann auf mehr als 100 Millionen Kilometer autonome Fahrleistung zurückblicken und setzt fahrerlose Fahrgast- und Gütertransportsysteme in mehreren großen Städten auf der ganzen Welt ein, darunter Rotterdam und Singapur. Die vollständig elektrischen, fahrerlosen Systeme von 2getthere im Gewerbegebiet Rivium (Niederlande) und in Masdar (Abu Dhabi) befördern mehr als 14 Millionen Menschen. Die Zuverlässigkeit der von 2getthere installierten Systeme, die auch die Fahrzeugsteuerung und Softwarearchitektur umfassen, liegt bei 99,7 Prozent.
Aktuell beschäftigt 2getthere 60 Mitarbeiter in Büros in Utrecht, Capelle aan den Ijssel und Helmond sowie in den internationalen Vertriebs- und Serviceniederlassungen in Dubai, Abu Dhabi und Singapur. 2019 hat ZF 60 Prozent der Aktien von 2getthere erworben.

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