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Zwischen Zufall und Strategie

Wachstum wäre ohne Mobilität undenkbar. Doch jedes Jahr sterben 1,2 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Verkehrssicherheit ist ein globales Thema – und doch überall anders.

Text: Christine Kordt , 08. August, 2017

Christine Kordt Mobilität mit all ihren Facetten liegt der Kölner Journalistin seit mehr als 20 Jahren am Herzen. Privat bewegt sie sich am liebsten zu Fuß durch die Landschaft.

Farbe blättert von der Holzhütte in der afrikanischen Siedlung. Ein Junge mit Muskelshirt und Rucksack kommt hinaus und begrüßt seinen Kumpel. Zusammen laufen sie durchs staubige Labyrinth der Hütten, zwei weitere Kinder stoßen hinzu – Schulweg im Süden Afrikas. An der vierspuren Hauptstraße rast dichter Verkehr an ihnen vorbei. Der Erste sprintet los und rettet sich bis zum Mittelstreifen. Nach und nach schaffen es die anderen vier. Ampel, Zebrastreifen, Schülerlotse oder Autos, die für Kinder bremsen? Fehlanzeige.

Im Kurzfilm „Save Kids Lives" des renommierten französischen Regisseurs Luc Besson schaffen es die Protagonisten, lebend in der Schule anzukommen. Keine Selbstverständlichkeit: Jeden Tag sterben 500 Kinder weltweit im Straßenverkehr. Vor allem in Schwellenländern entwickeln sich Motorisierung und Opferzahlen nach oben. Was kann man tun, um nicht länger 1,2 Millionen Verkehrstote und rund 50 Millionen Schwerverletzte jährlich beklagen zu müssen? Was schützt Fußgänger ebenso wie Radfahrer oder Fahrzeuginsassen? Assistenzsysteme und Autonomes Fahren? Oder doch eher Tempolimit, Kreisverkehre und Fahrradstreifen?


Während in vielen Ländern Afrikas schrottreife Fahrzeuge mit abgenutzten Reifen unterwegs sind, verfügen die Neuwagen in hochentwickelten Ländern selbstverständlich über ESC und Airbags. Den Zugang zu Sicherheitstechnologien weltweit zu ermöglichen, ist das Ziel der von Global NCAP geführten Kampagne „Stop the Crash“, in der sich auch ZF engagiert. David Ward, Vorsitzender der Kampagne: „Sicherheitstechnologien gesetzlich vorzuschreiben ist der beste Weg, die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren.“

500 Kinder sterben weltweit täglich im Straßenverkehr.

Überlebenskampf in Nigeria

Mit 20,5 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner sind Nigerias Straßen sehr unsicher. Zum Vergleich: In den USA sterben pro 100.000 Einwohner 10,8 Menschen, in Deutschland 4,3 und in Schweden 2,8.


Mobilität in Nigeria bedeutet schlechte Straßen und Fahrzeuge, massenhaft Motorräder, kaum regulierte Flächen für Fußgänger – Verkehr als Überlebenskampf. In 29 Prozent der tödlichen Unfälle ist überhöhte Geschwindigkeit die Ursache. Trotz Vorschrift tragen nur 60 Prozent der Motorradfahrer einen Helm. Kontrollen finden kaum statt. Die Einstellung ist fatalistisch: Überleben ist vorbestimmt und damit keine Frage des Verhaltens, sondern des Schicksals.

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer haben in puncto Verkehrssicherheit Defizite.

Gurtmuffel und Hightech

Aber auch für Industrieländer besteht Verbesserungspotenzial. Besonders viele Autofahrer sterben in den USA – bezogen auf die Einwohner fast viermal so viele wie in Schweden. Individuelles Fehlverhalten ist häufig die Ursache: Beim Gebrauch von Sicherheitsgurten belegen die USA den drittletzten Platz der Industrieländer. 38 Prozent der in Autos getöteten Kinder waren nicht gesichert. Grund für jeden zehnten Unfall ist mittlerweile die Ablenkung durch Mobiltelefone.


Dr. Debra Houry, Leiterin der US-Gesundheitsbehörde: „Andere Länder mit hohem Einkommen haben bessere Ergebnisse. Also können wir es auch besser machen.“ Sie empfiehlt: Anschnallen, Verzicht auf Alkohol und Einhalten der Geschwindigkeitsvorschriften. Gleichzeitig setzen die USA auf Hightech: Bei einem Wettbewerb wurde Columbus, Ohio, als „Smart City“ ausgezeichnet: Erstmals werden dort innovative Technologien wie autonome und vernetzte Fahrzeuge sowie intelligente Sensoren in ein Verkehrssystem integriert.


Im März 2016 haben sich praktisch alle Automobilhersteller verpflichtet, bis 2022 in alle neuen Pkw für den amerikanischen Markt automatische Notbremsassistenten einzubauen. Weitere Programme untersuchen die Potenziale von fahrzeugbasierten Systemen wie Kollisionswarnung auf Basis von Radar sowie die Möglichkeiten der Car-to-Car-Kommunikation.

Moderne Industriestaaten setzen auf Hightech, um Mobilität für alle sicher zu gestalten.

Vision mit akribischer Zielverfolgung

Wieder ganz anders liegen die Dinge in Skandinavien. Dass Schweden heute führend in Sachen Verkehrssicherheit ist, liegt vor allem an der Philosophie von „Vision Zero“, der sich das Land schon Ende der 1990er-Jahre verpflichtet hat: Weil Menschen Fehler machen, muss ihre Umgebung angepasst werden. Ergebnisse der konsequenten Umsetzung sind etwa die bauliche Trennung von Fahrtrichtungen auf Schnellstraßen, separate Fußgänger- und Fahrradfahrerspuren sowie autofreie Spielzonen. Ist eine räumliche Trennung nicht möglich, erhält die Fußgängersicherheit Vorrang vor dem Autoverkehr. Zusammen mit weiteren Maßnahmen konnte so die Zahl der schwerverletzten Autofahrer außerhalb der Städte deutlich gesenkt werden. Und nahezu 100 Prozent der Insassen sind angeschnallt.

Vision Zero

Vision Zero “ – null Verkehrstote – hat sich längst vom regional begrenzten zum globalen Ziel entwickelt. Unabhängig von den individuellen Strategien zur Umsetzung sind zwei Dinge notwendig um das Ziel zu erreichen: konsequent umgesetzte regulatorische Maßnahmen sowie Quantensprünge in Sachen Fahrzeugsicherheit. Das kann hier der obligatorische Summer bei nicht angelegtem Sicherheitsgurt sein – und dort das radargesteuerte Assistenzsystem.


Auch ZF hat sich ein Erreichen der Vision Zero zum Ziel gesetzt, und das gleich im doppelten Sinne. Denn neben einer Welt ohne Unfälle verfolgt das Unternehmen auch das langfristige Ziel einer Welt ohne Emissionen.

Für jeden Markt das richtige Produkt

Vision Zero ist ein globales Ziel. Um es zu erreichen, muss jedes Land seine eigene Strategie entwickeln. Brion Loh, Vice President für aktive Sicherheitssysteme, beschreibt, was ZF dazu beitragen kann.


Wie kann ZF als globaler Systemanbieter die diversen Sicherheitsanforderungen der verschiedenen Regionen erfüllen?
ZF entwickelt Produkte, die mehr Sicherheit für alle bedeuten. Unsere Technologie ist je nach regionalen Marktanforderungen skalierbar. Wir bedienen die gesamte Bandbreite an aktiven und passiven Sicherheitsanforderungen, von der Standard- bis zur Premiumversion.

Wie ermittelt ZF den Technologiebedarf der einzelnen Märkte?
Wir behalten die Markttreiber gut im Blick, ob rechtliche Bestimmungen oder Kundenanforderungen. Außerdem sind wir in Arbeitsausschüssen vertreten, die Rechtsvorschriften für die jeweiligen Regionen erstellen. In Europa liegt der Fokus eher auf dem urbanen Verkehr, während es in den USA eher um die Langstrecke geht.

Wie arbeiten Gesetzgeber und Technologieführer wie ZF zusammen, um den Verkehr für alle sicherer zu gestalten?
Die technologische Entwicklung schreitet viel schneller voran als die Gesetzgebung. Wir wollen Fahrzeuge und Straßen so schnell und effizient wie möglich sicherer machen. Das haben auch Regierungen wie die USA erkannt, weshalb sie zum Beispiel Fahrzeughersteller dazu aufgefordert haben, sich freiwillig zur Umsetzung einer automatischen Notbremsfunktion bis 2022 zu verpflichten.

„Wir wollen Fahrzeuge und Straßen so schnell und effizient wie möglich sicherer machen.“

Brian Loh, Vice President für aktive Sicherheitssysteme

„STOP THE CRASH“ ist eine internationale Initiative, die sich für Verkehrssicherheit weltweit einsetzt. ZF unterstützt die Organisation.
www.stopthecrash.org