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Auf der sicheren Seite

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Tags: NullUnfälle, SeeThinkAct, Sicherheit

Pkw-Insassen sind bei einem Unfall von der Seite nur durch eine kleine Knautschzone geschützt. ZF ließ das keine Ruhe: Heraus kam das weltweit erste Pre-Crash-System mit Airbags außen an der Fahrzeugseite. Eindrücke von der Live-Präsentation.
Achim Neuwirth, 12. Juni 2019
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Achim Neuwirth ist seit 2011 als Autor für ZF tätig. Der Publizistiker schreibt bereits seit rund 20 Jahren über Mobilitätsthemen in allen Facetten.
Wie weit ist es für den Pkw-Insassen vom Sitz bis zur vorderen Stoßstange, wie weit zur hinteren? Und wie viel näher liegt dagegen die nächste Tür? Auf den ersten Blick erkennt man: Kracht es seitlich, besteht ungleich größere Gefahr. Fast 700 Menschen verlieren dabei jedes Jahr alleine in Deutschland ihr Leben, das entspricht einem Drittel aller tödlich verunglückten Pkw-Insassen.

Unfallfolgen um bis zu 40 Prozent mindern

Memmingen, im Juni 2019. Es donnert erschütternd laut und dumpf, als ein Fahrzeug ungebremst in die Seite eines Mittelklassewagens kracht. Der laute Knall rührt jedoch nicht vom Aufprall, denn der Unfallgegner ist in dieser Demonstration ein weicher Fahrzeug-Dummy. Das Geräusch muss also von etwas anderem stammen. An der Beifahrerseite des getroffenen Fahrzeugs ist ein riesiger Airbag zu sehen. Die Zündung seiner pyrotechnischen Treibsätze und das Entfalten des 350 Liter großen Luftsacks klingen wie große Böller zu Silvester. Die wichtigste Nachricht: Wäre dies ein Crash im normalen Straßenverkehr gewesen, hätten die Menschen im Fahrzeug vermutlich mit deutlich geringeren Verletzungen davonkommen können.
„Unser Pre-Crash-Schutzsystem mit externem Seitenairbag hat das Potenzial, die Unfallfolgen für Insassen bei einem Seitenaufprall um bis zu 40 Prozent zu mindern“, sagt Uwe Class, Leiter der Vorentwicklungsabteilung 'Safe Mobility Systems' bei ZF. „Unsere Sicherheitsinnovation kann für die zusätzliche Knautschzone sorgen, die Autos an der Seite bislang fehlt. Auch der Live-Crashversuch eben macht das deutlich.“

Knautschzone to go

Heute übliche Front- und Seitenairbags im Innenraum lösen aus, nachdem Druck- und Beschleunigungssensoren einen Aufprall registriert haben. Das neue Pre-Crash-System hingegen trifft schon vor dem Einschlag des Unfallgegners die Entscheidung, ob das außenliegende Luftkissen als Knautschzone parat stehen soll. Das klappt nur mit einer zuverlässigen Unfallvorhersage.
Umfeldsensorik – konkret ein Netzwerk aus Kameras, Lidar und Radar – hält deshalb unermüdlich Ausschau nach drohenden Gefahren. Wie diese einzuschätzen sind, legen die Algorithmen des Systems fest: Etwa ob eine Kollision unvermeidlich ist und ob der externe Luftsack dann auch tatsächlich auslösen darf und soll. Wenn ja, zünden Gasgeneratoren und füllen den Airbag.
„Fürs Entscheiden und Bereitstellen bleiben dem Pre-Crash-System insgesamt nur rund 150 Millisekunden Zeit", sagt Class. „Das ist der Wimpernschlag vor dem Unfall, den wir nutzen, um das Verletzungsrisiko der Insassen deutlich zu verringern.“ Das Pre-Crash-Schutzsystem kann das Eindringen des Unfallgegners in die Karosserie um bis zu 30 Prozent reduzieren und so die Unfallfolgen für die Insassen um bis zu 40 Prozent mindern.

Das Pre-Crash-System von ZF in Aktion

Wozu dient eigentlich eine Knautschzone?

Wozu dient eigentlich eine Knautschzone?

Der externe Seitenairbag ist die auffälligste Komponente des Pre-Crash-Systems von ZF. Im Seitenschweller wartet er auf seinen Einsatz. Von dort entfaltet er sich bei Bedarf nach oben – je nach Fahrzeug mit 280 bis 400 Litern Volumen. So bildet er, fünf bis acht Mal größer als ein Fahrerairbag, die zusätzliche Knautschzone im Türbereich zwischen der A- und C-Säule.