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Daytona: Gegen alle Widerstände

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Tags: Motorsport

Rennfahrer Alex Zanardi hat bei einem Unfall beide Beine verloren – und startet dennoch beim 24-Stunden-Rennen von Daytona. Möglich macht dies auch eine Fliehkraftkupplung von ZF.
Moritz Nöding, 25. Januar 2019
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Moritz Nöding verbringt viel Zeit an den internationalen Rennstrecken. Er arbeitet als Pressesprecher für den Bereich Motorsport bei ZF und verantwortet die interne und externe Motorsportkommunikation des Konzerns.
Alessandro Zanardi ist ein Phänomen – und der lebende Beweis dafür, dass es keine Grenzen gibt, wenn man sich einer Herausforderung mit Leidenschaft und Begeisterung widmet. 2001 verlor der frühere Formel-1-Pilot und zweimalige ChampCar-Champion bei einem Unfall beide Beine. Doch das war nicht das Ende seiner Karriere, sondern der Beginn eines spannenden neuen Kapitels in seinem Leben. Heute ist er nicht nur erfolgreich im Motorsport und als Para-Athlet, sondern auch Idol und Inspiration für Menschen rund um den Globus. In diesem Januar wird Alex Zanardi im BMW M8 GTE des BMW Team RLL das legendäre 24-Stunden-Rennen von Daytona (USA) bestreiten. ZF ist dabei nicht nur als Partner von BMW Motorsport, sondern auch als Serienpartner der amerikanischen IMSA SportsCar Championship am Start, deren traditionellen Auftakt das Rennen in Daytona bildet.

Car-Sharing neu definiert

Car-Sharing neu definiert

Für Zanardi bedeuten die 24 Stunden von Daytona die Umstellung auf ganz andere Herausforderungen: vom Sprint- auf Langstreckenrennen, vom BMW M4 DTM in den BMW M8 GTE und vom Rennfahren allein zum gemeinsamen Start mit Teamkollegen. Beim 24-Stunden-Rennen in Daytona ist er Teil eines Quartetts und wechselt sich am Steuer mit seinen Kollegen John Edwards (USA), Jesse Krohn (FIN) und Chaz Mostert (AUS) ab. „Im DTM-Rennen in Misano hatte ich diesen Hauch von Unabhängigkeit und Selbstbezogenheit, um mein Ego zu befriedigen“, sagt er schmunzelnd. „Doch nun bereiten wir uns auf dieses neue fantastische Abenteuer vor. Ich weiß, dass es sehr großen Spaß macht, sich das Auto mit anderen Fahrern zu teilen.“
Und was sagt Zanardi über sein Arbeitsgerät für die 24 Stunden von Daytona? „Der BMW M8 GTE ist ein fantastisches Auto, vielleicht das hochwertigste, das ich jemals in meiner Karriere gefahren bin – und eine echte Schönheit. Das Handling ist großartig, und die Ingenieure in München haben einen beeindruckenden Job gemacht, als sie die speziell auf mich ausgelegten Systeme in das Auto eingebaut haben.“

Volle Kontrolle dank ZF-Fliehkraftkupplung

Volle Kontrolle dank ZF-Fliehkraftkupplung

Als Zanardi 2016 sein Debüt im BMW M6 GT3 bestritt, wurde das damalige System noch weiter verbessert. Der Kupplungsaktuator wurde durch eine vollautomatische Fliehkraftkupplung ersetzt, die ZF als Premium Partner BMW M Motorsport entwickelt hat. Diese öffnet und schließt bei bestimmten Drehzahlen automatisch und muss nicht mehr vom Fahrer betätigt werden. Für Zanardi hat das System den großen Vorteil, dass er nicht auch noch mit einer seiner beiden Hände einen Kupplungshebel bedienen muss.
Doch nicht nur deshalb ist Zanardi von der Fliehkraftkupplung begeistert: „Es ist erstaunlich, wie gut dieser Mechanismus funktioniert. Diese Kupplung ist äußerst zuverlässig. Die Abnutzung ist minimal, und von daher gibt es mit dieser Lösung weniger Probleme als mit einer Standardkupplung. Seit wir sie ins Auto eingebaut haben, hat sie ihren Job für uns perfekt erledigt. Wenn du nach dem Boxenstopp wieder losfährst, ist es unmöglich, den Motor abzuwürgen. Und es ist auch egal, ob die Reifen kalt oder warm sind. Wann immer du losfährst, ist diese Kupplung in der Lage, den Grip zu kontrollieren – wahrscheinlich besser als ein Standardsystem.“

Innovative Modifikationen

Innovative Modifikationen

„Das bisherige System erlaubte mir, schnell zu sein, auch über einige Runden. Aber ehrlich gesagt: Es war wirklich schwierig, lang genug im Auto zu sitzen, um meinem Team über die Distanz eines 24-Stunden-Rennens eine echte Hilfe zu sein“, räumt Zanardi ein. Denn da er seit seinem schweren Rennunfall am Lausitzring im Jahr 2001 keine Beine mehr hat, fehlen ihm wichtige Gliedmaßen, die durch die Blutzirkulation helfen, den Körper zu kühlen. Zudem lassen die eng sitzenden Schäfte seiner Beinprothesen keinerlei Transpiration zu: „Jedes Mal, wenn ich aus dem Auto gestiegen bin, war ich wie durchgebacken.“ Zanardi war klar: Ohne Beinprothesen würde er wesentlich länger fahren können und sich im Auto auch wohler fühlen. Also setzten er und die BMW M Motorsport Ingenieure sich in München zusammen und hatten die Idee zu einem vollkommen neuen System: einem System, mit dem Zanardi alles mit den Armen und Händen machen kann. 2003 war dies aufgrund der H-Schaltung im BMW 320i noch ein Problem. Doch dank der modernen Getriebe in heutigen GT-Rennwagen und der nun etablierten Fliehkraftkupplung von ZF boten sich ganz neue Lösungswege. Diese wurden zunächst im BMW M6 GT3 getestet und hatten ihre erste erfolgreiche Bewährungsprobe bei Zanardis Gaststart im August 2018 im BMW M4 DTM in Mugello. All dies diente einem Ziel: Zanardis Start im BMW M8 GTE bei den 24 Stunden von Daytona.

Das Bremspedal wurde nun durch einen Bremshebel ersetzt, den Zanardi mit seinem rechten Arm nach vorn drückt. Dieser ist auf dem Kardantunnel montiert und mit der Bremse verbunden. Gas gibt Zanardi über einen Gasring am Lenkrad, überwiegend mit der linken Hand. Über eine Schaltwippe am Lenkrad kann er die Gänge wechseln. Gleichzeitig ist aber am Bremshebel ebenfalls ein Schalter angebracht, mit dem er beim Anbremsen von Kurven herunterschalten kann.
Die körperlichen Probleme, mit denen er in der Vergangenheit zu kämpfen hatte, sind für Zanardi mit dem Handbremssystem im BMW M8 GTE kein Thema mehr. “Wenn es das Reglement zulassen würde, könnte ich jetzt ein 24-Stunden-Rennen auch allein bestreiten“, sagt er lachend. „Denn ohne Beinprothesen fühle ich mich im Auto richtig wohl. Natürlich ist es etwas komplizierter, weil ich mit meinem Armen und Händen so viele verschiedene Dinge tun muss – aber aus körperlicher Sicht ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht.“